Wie mich die Toilettenampel rettet

Die nächste Woche verlaufen wellenartig, mal bin ich sehr zufrieden und glücklich darüber, was wir alles im Unterricht schaffen. An anderen Tagen bin ich verzweifelt und frage mich, ob ich alles richtig mache. Ich rätsele, wie ich diesen Ameisenhaufen in die Spur bringen kann, da ich zum ersten Mal eine erste Klasse leite. Die kleinen Geschöpfe wuseln rum, können kaum an ihrem Platz sitzen bleiben und ihre Aufmerksamkeitsspanne ist schnell ausgeschöpft.

Darüber hinaus habe ich von Anfang an das Problem, dass die Kinder ständig aufs Klo müssen. Im Zehnminutentakt wollen die Kleinen das WC aufsuchen. Unabhängig davon, ob ich gerade etwas erkläre oder wir gemeinsam etwas erarbeiten, führt die Schülerfrage ständig zur Unruhe. Nach langem Überlegen und Gesprächen mit Kollegen versuche ich mit einer „Toilettenampel“ dem entgegen zu wirken: Bei Rot darf man weder trinken, noch auf das Klo, bei Gelb darf man trinken, aber nicht aufs Klo und wenn die Ampel auf Grün steht darf man beides. Der Start mit dem neuen System ist gut und ich bin zuversichtlich, dass es gelingen kann. Mal abwarten…

toilettenample


5 Gedanken zu “Wie mich die Toilettenampel rettet

  1. Ich staune, wie sehr in Schule alles genauenstens verregelt wird, selbst die Ausscheidungszulassungzeit der Kinder. Natürlich war es in meiner Generation (Einschulung 1960) eh verboten, während der Stunde aufs Klo zu gehen. Man musste gar nicht erst fragen, es hatte keinen Sinn. Und so pinkelte meine nicht mehr beherrschbare Blase in der ersten Klasse eines Tages während der Stunde einfach los. Es lief an mir und gleich danach am Holz herunter. Welche Schmach! Ich glaube, ich habe danach wochenlang vor Scham nicht mehr aufgeblickt im Unterricht. Und habe ich das jetzt – nach fast 60 Jahren als Fortschritt zu verzeichnen, dass Kinder immerhin zeitweise um Gnade fragen dürfen? Und ob die Kinder, wenn sie aufs Klo müssen, aber nicht dürfen, noch den Anweisungen (Erklärungen) folgen können, während sie vorne und hinten alles zusammenkneifen? Übrigens entscheide ich als Erwachsener selbstverständlich ob und wann ich aus einem Vortrag raus gehe oder einen Schluck aus der Wasserflasche nehme, . Soviel Autonomie nimmt sich selbstverständlich jeder Erwachsene. Nichts für Kinder? Sag jetzt nicht, die könnten das noch nicht sinnvoll entscheiden. Wie sollen sie es lernen, wenn ihnen die Entscheidung abgenommen wird? Wäre es nicht sinnvoller, mit ihnen darüber zu sprechen, dass sie vllt etwas verpassen, was ihnen wichtig ist, dann aber ihnen generell die Entscheidung selbst überlassen?. Und man könnte dann auch gut üben, wie man sich leise rausschleicht, ohne die anderen zu stören. (Meist stört ja nur das blöde Um Erlaubnis fragen.) Zu loben wäre dann, dass es Schüler schaffen, aufs Klo zu gehen, ohne den Unterricht damit zu stören. Wie sollen sie denn mal später selbstständig entscheiden? Ich habe Referendare und sogar ältere Kollegen in der Lehrerfortbildung, die tatsächlich noch fragen, ob sie mal raus dürfen. Ich bin traurig darüber und fühle mit ihnen, dass sie sich sich so unterwerfen zu müssen meinen und über ihre köperlichen Bedürfnisse vor allen TN outen müssen. Und die Fragerei unterbricht natürlich den Fortgang der Veranstaltung. Soll ich eine Dauergrün-Ampel aufstellen?
    Und dann hatte ich ein einschneidendes Erlebnis als Junglehrer in meiner ersten Schule nach dem zweiten Examen: Der junge und neue, sehr flotte und sich fortschrittlich dünkende Schulleiter installierte eine Ampel und eine Klingel an seiner Büro-Tür. Wenn Rot war, durfte man nicht klingeln. Wenn Grün war, durfte man klingeln und auf eine kurze Audienz hoffen. Wie oft ich meine Pausen damit verschwenden musste, den langen Weg von meinem Musikraum (10-zügige Schule) zum Schulleiter-Büro zu machen, nur um festzustellen, dass wieder oder immer noch rot war! Wenn Kinder zwischen 6 und 10 – ohne ihr Mitspracherecht in dieser Sache – den ganzen Tag in einem Raum zusammen sitzen müssen (meistens still), dann ist das keine artgerechte Umgebung. Das „Gewimmel“ aus Sicht der Lehrer führt dann offenbar zu solchen Assoziationen wie die, er hätte Ameisen, oder „kleine Geschöpfe“ vor sich, die er „auf die Spur bringen“ muss. Es sind Menschen. Genau wie der Lehrer. Und der hat sich diese Lehrumgebung ja auch nicht gewünscht. Und ich muss sagen: Ich bin so froh, dass es wenigstens einige von den Kindern trotzdem leidlich unzerknickt nach 10-12 Jahren wieder aus der Spur raus schaffen! Manche schaffen es nur, ihre Autonomiereste zu retten, indem sie schwänzen und vorzeitig abgehen. Manche gar nicht.

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    1. Vielen Dank für die ausführlichen und auch kritischen Gedanken zu meiner „Toilettenampel“, Lisa Rose.
      Was ich nicht erwähnt habe, dass ich in einem ungefähren 45-Minuten Takt auch eine „Flitzepause“ mache, sodass die, die gehen wollen durchaus eine Möglichkeit finden ihren Bedürfnissen nachzukommen.
      Ich denke, dass ich das aktuelle System nicht langfristig halten werde… für den Moment hilft es mir aber Strukturen zu schaffen, die gerade für mich als Junglehrer wichtig erscheinen.
      Die Idee das leise Rausschleichen einzutrainieren, finde ich übrigens einen super Impuls, den ich morgen direkt thematisieren werde!
      Ich habe oft das Gefühl, dass einige Schüler den Toilettengang als Auszeit zum Quatschmachen nutzen – wir hatten schon regelmäßig ganze Klopapierrollen in den Toiletten, die diese dann blockierten!
      Die Geschichte mit der Ampel des Rektors finde ich übrigens sehr unterhaltsam 🙂

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  2. Wenn ein Kind „muss“, meldet es sich und formt mit den Händen ein Dach, damit ich gleich weiß, was es möchte. Winke ich mit der Hand zur Tür, kann es gehen.
    Ein anderes Zeichen von mir signalisiert ihm, noch zu warten, weil es gerade nicht so passt.
    Ist diese Phase dann vorüber, gebe ich das winkende Zeichen und es geht.
    Das klappt 0hne Worte prima, sogar wenn kinder sich gleichteitig melden.

    Sophia

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  3. Hallo!
    Ich habe das System der Toilettenkette. Bei der Tür liegen zwei Perlenketten – Eine rot für Mädchen und eine blau für Jungs. Muss ein Kind aufs Klo, dann nimmt es sich die entsprechende Kette und hängt sie sich um, verschwindet aufs Klo und beim Wiederkommen wird die Kette wieder abgelegt. Das passiert alles ohne langes Melden und Störungen. Wenn keine Kette da ist, kann kein anderes Kind gehen… So gibt es kein Tumult auf der Toilette 😉 Ich finde man hat das als Lehrer dennoch gut im Blick und kann immer nochmal sein Veto einlegen… Einige verdünnisieren sich ja doch gern mal 😉

    Liebe Grüße

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