Leben am Limit – Herr Planet im Kletterwald

Wer von euch war schon einmal in meinem Kletterwald? Es macht Spaß, trainiert die motorischen Fähigkeiten und man lernt an und vielleicht über seine persönlichen Grenzen zu gehen. So besuche ich ungefähr einmal im Jahr gerne einen Kletterwald und freue mich immer wieder darauf die Parcours, denen je nach Schwierigkeitsgrad eine Farbe zugeordnet ist, zu durchlaufen.

Heute bin ich mit meinen Freunden zu einem neuen Kletterwald gefahren. Das Wetter war nicht besonders sonnig, aber für einen Herbsttag durchaus ausreichend. Im Kletterwald angekommen erhalten wir Klettergurte, Helme und eine Sicherheitseinweisung. Dann geht es endlich los!

Wir starten mit einem Parcour der mittleren Schwierigkeit und durchlaufen die Stationen bei denen man Hindernisse wie beispielsweise bewegliche Holzbretter überwinden muss sicher. Vor allem die Seilrutschen machen uns viel Spaß. Wir sind gut gelaunt und machen schnell den zweiten Parcour. Dieser hat schon den Schwierigkeitsgrad „schwer“ und trägt dementsprechend die Farbe schwarz. Die Übungen sind deutlich schwerer als zuvor und auch die Höhe von 22 Metern lässt den Nervenkitzel steigen. Bei einigen Stationen muss ich kämpfen, um sie ohne Probleme zu durchlaufen. Ich merke, dass ich meine Muskelkraft vollständig einsetzen muss und meine Arme anfangen zu schmerzen. Die Übungen beanspruchen Muskeln, die ich in meinem alltäglichen Leben kaum belaste und ich spüre in Gedanken schon meinen morgen sicherlich auftretenden Muskelkater.

Wir legen eine kurze Pause ein, trinken etwas und dann geht es weiter. Natürlich bleiben wir beim schwierigsten Grad der Parcours und machen mit dem, der die Nummer 11 trägt weiter. Diese Hindernisstrecke hat einen hohen Anspruch, wechselt aber mit langen Rutschen, sodass es Spaß macht. Als wir die Strecke beenden, möchten zwei aus der Gruppe aufhören. „Ach komm hier ist die Nummer 12, die machen wir noch schnell!“, versuche ich sie zu motivieren, doch letztendlich machen wir ihn nur zu zweit.

Der Parcour fordert mich von Anfang an sehr. Eigentlich ja klar, schließlich trägt er die Kategorie „schwarz“. Ich muss über einen Feuerwehrschlauch balancieren, wackelnde Plattformen überwinden und mich dann an einer Hängeleiter entlang hangeln. Ich spüre immer mehr, wie mein Körper schmerzt, meine Kräfte weniger werden und meine Konzentration nachlässt. Es folgt eine Station, bei der man Autoreifen, die an Seilen hängen überqueren muss. Sie wackeln stark und ich verheddere mich mit meinem Sicherungsseil. Ich verliere das Gleichgewicht und muss mich nach oben ziehen. Ich sehe, dass ein ungefähr 15 jähriger Junge hinter der Station auf der Zwischenstation wartet bis ich fertig bin, denn an den Übungsstationen darf immer nur eine Person sein.

Oje, langsam wird es mir peinlich, wie ich mich an der Station fortbewege. Grundsätzlich würde ich mich als sportlich bezeichnen, aber diese Übungen bringen mich an meine persönlichen Grenzen.

Als ich mich mit letzten Kräften auf die nächste Zwischenstation hechte, muss ich erstmal tief durchatmen. Ich blicke nach unten und sehe den Abgrund, der über 20 Meter tief ist. „Ich schaffe das nicht“, stelle ich fest, „ich bin viel zu müde und habe keine Kraft mehr!“

Der Junge hinter mir überwindet die Reifenübung in Sekundenschnelle und ich zweifle noch mehr an mir. „Sorry, dass du so lange warten musst!“, entschuldige ich mich. Er reagiert verständnisvoll: „Ist nicht schlimm, da kann ich mich ausruhen.“

Die nächste Übung steht mir bevor. Ich muss auf Seilen, die wie Lianen hinunter hängen die fünf Meter lange Strecke überwinden. Die Seile sind mit ihren Enden rechts und links befestigt, sodass Schlaufen entstehen, die als Auftrittsflächen genutzt werden müssen. Die meisten sind gerade gespannt und ich kann die ersten gut überwinden. Dann kommen welche, die seitlich gespannt sind und ich kämpfe, um sie zu überwinden. „F**K“, brülle ich immer wieder laut. Da sich die nächste Plattform erhöht befindet muss ich immer höher treten. Zusätzlich werden die Abstände zwischen den Seilen größer. Immer wieder muss ich mich aus Schlaufen, in denen ich mich verfangen habe, befreien, um weiter zu kommen. Es kostet mich viel Kraft. Ich schwitze am ganzen Körper.

Plötzlich fängt es an zu regnen und zu stürmen. Ich spüre wie mir etwas auf den Helm knallt. In meinen Kopf schießt ein Gedanke und wiederholt sich in einer Endlosschleife: „Ich will nur noch weg hier!“

Meine Kräfte schwinden. „Du schaffst das!“, ruft der Junge hinter mir motivierend, doch ich habe bereits erkannt, dass meine Grenze eingetroffen ist.

Ich versuche meine letzten Kräfte zu mobilisieren, hole nochmal tief Luft und versuche die Lianen weiter zu balancieren. Drei Lianen sind noch vor mir. Ich packe meinen ganzen Mut zusammen und versuche nach vorne zu kommen.

Doch dann passiert es: Ich verpasse eine Liane mit meinem Fuß, rutsche ab und lande im Sicherheitsgurt hängend. Darüber hinaus sind mehrere Lianen um mich gewickelt. Ich fühle mich wie eine Fliege, die in einem Spinnennetz gefangen ist und nun auf ihren Tod wartet. Der Junge hinter mir denkt sicherlich: „Was ist das für ein alter Mann, der seine Fähigkeiten überschätzt!“

Ich kann nicht mehr. Ich kann nicht aufstehen. Ich hänge in 20 Meter Höhe mitten im Wald und Regentropfen prasseln auf mich. Die Endlosschleife in meinem Kopf geht weiter: Ich möchte hier nur noch weg.

Ich rufe nach Hilfe und sehe eine Betreuerin des Kletterwaldes kommen. „Es kommt gleich jemand!“, ruft sie mir zu. Natürlich haben mein lauter Hilfeschrei und ihre Antwort die anderen Besucher neugierig gestimmt. So werde ich ab jetzt nicht nur von dem Jungen hinter mir, sondern auch noch von zahlreichen anderen Kletterern gemustert und begafft.

Die Helferin klettert zügig zu mir, sagt, ich soll die Füße bewegen und kommt dann endlich bei mir an. Die Blondine ist hübsch, sportlich und hat ein hübsches Gesicht. „Na dann wollen wir dich mal retten“, grinst sie mich frech an. Sie fummelt an ihrem Rucksack rum und hängt einige Karabiner ein. Ich kann mich kaum noch halten, was sie zu merken scheint. Sie klammert ihre Füße um mich und sagt ich soll mich an ihr halten. Gerne folge ich ihren Anweisungen. Kurzzeitig überlege ich Sie nach der Telefonnummer zu fragen, doch entscheide mich dann dagegen. Nach zwei weiteren Handgriffen von ihr rutsche ich plötzlich Richtung Boden ab. Ich sehe wie die Leute das Spektakel beobachten und fühle mich zeitweise wie ein Prominenter. Als ich endlich den Boden unter mir spüre bin ich sehr froh und rufe ein „Danke“ zu meiner Retterin nach oben. Sie entgegnet nur lässig: „Kein Problem.“

 

Wow, da habe ich viel zu erzählen beim nächsten Erzählkreis 🙂

 


2 Gedanken zu “Leben am Limit – Herr Planet im Kletterwald

  1. Ich bin im Kletterwald schon vor der ersten Station gescheitert. Nicht wegen der Höhe, sondern weil ich über ein Netz klettern musste, um die erste Plattform zu erreichen. Aber das Netz war so unter die Plattform gespannt, dass ich den Bogen nach oben nicht schaffte 😦
    An mir selbst gescheitert. Das ärgert mich immer noch.

    Gefällt 1 Person

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