„Soll ich euch ein Geheimnis verraten?“ – Der Vikar

So schnell wechseln sich die Perspektiven: Als ich von der Schulleitung gefragt werde, ob ich einen Vikar betreuen würde und zusagte, wusste ich noch nicht, auf was ich mich einlassen würde…

Ein Vikar ist übrigens jemand, der Pfarrer werden will. Dazu sammelt er während der Ausbildung ein halbes Jahr Schulpraxis bei einem Lehrer, damit er später neben seiner Haupttätigkeit als Pfarrer dann eigenständig Religion unterrichten kann, da er neben der Gemeinde vier Unterrichtsstunden an einer Schule ableisten muss.

Ein großer Mann mit langen Haaren, Vollbart und einen eher ungepflegten Erscheinungsbild steht vor mir, als wir uns kennenlernen. Er tritt selbstbewusst auf, erzählt viel, oft wirres Zeug. Es wird sich noch zeigen, dass er gerne viel spricht, aber seinen Worten kaum Taten folgen. Zu den Schülern hat er zunächst schnell ein gutes Verhältnis, kann offen auf sie zugehen und wirkt interessiert, was ich gut finde.
Die ersten Unterrichtsversuche gehen allerdings auf Grund mangelnder Vorbereitung seinerseits und Selbstüberschätzung („Das sieht bei Ihnen so leicht aus!“) ziemlich schief. Sein pädagogisches Feingefühl ist noch nicht wirklich stark ausgeprägt. Ein Beispiel:
Es wird zu laut im Klassenzimmer.
Er: „Soll ich euch ein Geheimnis verraten?“
Die Schüler freuen sich und brüllen „Jaaaaaaaaaaaaaa!“.
„Wenn ihr so laut seid, gibt es gaaaaaaaaaaaaaaanz viele Hausaufgaben für euch!“
Die Ironie ist für die Kinder nicht durchsichtig und sie schauen mich hilfesuchend an. Der Unterricht endet für alle unbefriedigend.

Mir wird immer wieder bewusst, wie viel ich in den letzten Jahren gelernt habe und wie weit ich mit meiner persönlichen Entwicklung bin, wenn ich den Vikar bei seinen Unterrichtsversuchen sehe. Das didaktische Handwerkszeug kann er lernen, aber seine Grundeinstellung zum Beruf sowie seine Vorbereitungen und das Nutzen meiner zahlreichen Unterstützungsangebote, kann ich nicht erzwingen.
Immer wieder kommt es zu den gleichen Schwierigkeiten. Trotz zahlreicher und intensiver Reflexionsgespräche kann dieser Mensch leider seine Lernchance nicht wirklich nutzen. So muss ich mich an die Studienleitung wenden und vom Ablauf in der Schule berichten. Ich erfahre, dass er auch in der Seminarausbildung negativ aufgefallen ist und gegenüber seinen Dozenten teilweise eine freche Haltung einnimmt.
Im Religionsunterricht in Klasse 3 gelingen ihm gelegentlich bessere Unterrichtstunden. Trotz mehrfacher Hinweise, die Unterrichtsplanung rechtzeitig zu machen und mit mir abzusprechen, macht er immer wieder diesen Fehler, der zahlreiche Probleme im Unterrichtsgeschehen zur Folge hat. Gelegentlich muss ich innerlich schreien, während ich seinen Unterricht beobachte. Vor allem tun mir die Schüler leid, die sich regelmäßig mit hilfesuchenden Blicken mir zuwenden.
Bald ist meine Arbeit als Mentor für ihn abgeschlossen und die Pfarrerin (mit der ich auch im Kontakt bin und welche nur teilweise zufrieden ist) kann die Arbeit mit ihm weiter führen. Mal sehen, ob er ein verantwortungsvoller Lehrer und Pfarrer werden kann. Ich drücke ihm die Daumen!


3 Gedanken zu “„Soll ich euch ein Geheimnis verraten?“ – Der Vikar

  1. Ein wirklich interessanter Beitrag. Schon immer hat mich geärgert, dasa Pfarrer einen derart langweiligen Unterricht absolvieren und die Kinder keinen Zugang zur Religion finden. Die Kirchenbänke bleiben leer, die Konfirmanten- und Kommunionsunterrichtseinheiten sind schrecklich für viele Kinder. Nur zu Weihnachten besuchen sie unter Zwang mal einen Gottesdienst. Warum reicht es für angehende Pfarrer aus, lediglich in paar Monate in die Schulen hineinzuschnuppern? Warum müssen sie keine pädagogischen Handfertigkeiten wie wir erlernen und Prüfungen ablegen? Es wäre an der Zeit, das zu ändern. LG Alexa

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  2. Könnte auch an der Generation liegen. Ich habe solche Exemplare auch unter Referendarinnen erlebt bzw. erlebe es immer noch. Vor allem die Selbstüberschätzung und die viel zu kurzfristige Vorbereitung sind immer wieder Thema. Das Wort DANKE ist auch nicht mehr so geläufig ;-).
    LG, Bea

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