Klassenfahrt (Tag 1)

„Wie wäre es, wenn wir zusammen auf Klassenfahrt gehen?“, fragt mich meine Lieblingskollegin Antonia, die gerade die vierte Klasse leitet und noch eine Begleitperson sucht.
„Echt jetzt? Mit dir auf Klassenfahrt zu gehen klingt cool!“, freue ich. Ein Tag später ist auch das „Okay“ von der Schulleitung da und es kann losgehen!

 

Es ist Mittwoch, 8.00 Uhr, Treffpunkt ist am Bahnhof. Nach und nach kommen die Schüler zum Startpunkt der Klassenfahrt. Es geht mit dem Zug zur Stadt der Jugendherberge. Die Schüler sind gut gelaunt. Wir machen eine Stadtralley und marschieren dann den Berg zur Jugendherberge hoch.

Einige quälen sich den Weg entlang, es fängt etwas an zu regnen, dennoch lohnt sich die Aussicht. Peter hat Höhenangst und fängt an hysterisch zu werden als wir einen schmalen Weg laufen. Heulend wirft er sich auf den Boden und schreit: „Ich bin noch jung und will nicht sterben!“ Antonia und ich blicken uns irritiert an, da der Weg wirklich nicht schlimm ist und kein Abgrund in der Nähe ist. Sie kümmert sich um ihn, während ich die bereits vorausgegangenen Schüler einhole und sie sicher zur Burg führe.

Dort angekommen beziehen wir die Zimmer, Antonia und Peter kommen verspätet an. Nach dem Mittagsessen und der Burgrallye haben die Schüler etwas Freizeit bevor die Talentshow beginnt. Fünf Gruppen treten an und präsentieren die unterschiedlichsten Programme: Eine Gruppe präsentiert Akrobatikübungen. Eine andere unterhält uns mit einer Diabolo-Übung. Ein Paar zeigt eine Pantomime-Show. Zwei Schülerinnen wollen tanzen, dabei ist eine zu schüchtern vor der Gruppe aufzuführen, sodass ich einspringe. Die Kinder stellen fest: „Das würde Dieter Bohlen auch machen, Herr Planet!“

Die Gewinnergruppe besteht aus sechs Schülern, die einen Tanz einstudiert haben. Mit toller Ausstrahlung präsentieren sie ihre Choreographie und überzeugen durch einheitliche Outfits.

Beim Abendessen bekommt Janis sehr großes Heimweh, er weint lange, wird von allen getröstet, doch leider ist er nicht zu beruhigen. Ich führe ihn zu Antonia, die extra Heimwehtabletten „gebastelt“ hat:

„Janis, schau‘ mal, ich war in der Apotheke und habe diese Tabletten gekauft. Da sind ganz viele Kräuter drin und die helfen bei Heimweh. Wenn du die Pille gelutscht hast, geht das Heimweh nach einer Minute weg! Wenn du ganz viel Heimweh hast nimmst du eine dunkle Tablette oder eine helle bei wenig.“

Antonia erzählt ihm das alles sehr überzeugend. Janis greift schluchzend in die Medikamentenbox, nimmt eine helle heraus und fängt an zu lutschen. Ich muss mich wegdrehen, da ich mir gedanklich vorstelle, wie der Schüler sagt „Das schmeckt ja wie Tick-Tack!“ und weiß, dass ein Lachen nun unfair wäre. Ihm geht es durch die „Tablette“ besser und beruhigt sich bis zur Disco.

Einige Kinder tanzen ausgelassen, andere können mit der Musik wenig anfangen. Die Klasse heute ist nicht sehr ausdauernd und will schon um viertel nach 9 auf die Zimmer und sich bettfertig machen. Antonia und ich tanzen munter weiter und versuchen die Kinder zu animieren – jedoch nur mit mäßigem Erfolg. Bis halb 10 leert sich der Disco-Raum, obwohl wir bis 22.00 Uhr die Disco gebucht hatten.

„Schade“, denke ich, während wir zu den Zimmern laufen. Die Schüler scheinen tatsächlich sehr müde zu sein. Sie bleiben auf den Zimmern und nachdem wir einmal „Gute Nacht“ gesagt und einen Kontrollgang um halb 11 gemacht haben, bei dem wir sie gebeten haben nun leise zu sein, kehrt tatsächlich die Nachtruhe ein. Um 23.00 Uhr flüstern noch Kinder in einem Zimmer, aus den anderen beiden Zimmern kommen keinerlei Geräusche mehr.

„Ist ja fast schon langweilig mit deiner Klasse, Antonia?!“ Wir lachen.


6 Gedanken zu “Klassenfahrt (Tag 1)

  1. Puh, diese Heimwehpillen machen mir immer Bauchschmerzen! so gewöhnt man Kinder ganz spielerisch daran, dass jedes Missempfinden mit einer Tablette unterdrückt werden kann, anstatt zu lernen mit Gefühlen umzugehen oder auch mal auszuhalten. Die Aufgabe von Pädagogen sollte sein, Kinder in so einer Situation zu unterstützen, indem man „Einfach“ da ist und sich dem Kind zuwendet.
    Erst eine Pille gegen Heimweh, dann eine Pille gegen Aktivität, … das ist für mich nicht der richtige Weg.
    LG Andrea

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  2. Ich finde die Idee super! Die Kinder sind begeistert und es hilft. Deshalb werden sie nicht gleich abhängig. Man darf nicht immer so ängstlich sein,sondern einfach gute Ideen umsetzen.

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  3. In meinen Augen ist es keine gute Idee, Kindern beizubringen, dass es gegen alles Pillen gibt. Als Mutter wäre ich auf die Barrikaden gegangen, wenn man so etwas mit meinen Kindern gemacht hätte.

    Vor 2 Wochen war ich auch auf Klassenfahrt. Ein Mädchen hatte so schlimm Heimweh, dass es brechen musste. Ich habe es in den Arm genommen und erklärt, dass ich meine Familie auch vermisse. Das hat gut geholfen. Wie kann man Kindern gegenüber so tun, als wäre Heimweh eine Krankheit, gegen die man eine Tablette nehmen muss, anstatt sich ein wenig Zeit zu nehmen und zu erklären, dass Heimweh ein ganz normales und vor allem richtiges Gefühl ist…

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  4. An die Pillenkritiker: Wollt ihr nicht erstmal fragen, ob Herr Planet bzw. Antonia den Schüler später über das Placebo aufgeklärt haben? Dann wäre es doch nochmal ganz anders zu interpretieren?

    Ein uralter Plot: The magic was inside you all along! 🙂

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    1. Hallo an alle,
      Danke für die Kommentare!
      Natürlich wurde der Schüler zunächst ausführlich von seinen Mitschülern, Antonia und mir getröstet.
      Die „Pillen“ wurden beim Elternabend davor vorgestellt. Es gab keine Beschwerden.
      @Alex Ja, wir haben es zum Schluss „aufgelöst“ 😉
      LG Herr Planet

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